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Unravel 2

Obwohl das Jump & Run Unravel im Jahr 2015 der kleinste Titel der E3-Pressekonferenz von EA war, war das Spiel nach der unfassbar sympathischen Vorstellung durch Martin Sahlin von Coldwood Interactive im Anschluss das Gesprächsthema schlechthin. Als das Spiel im Februar 2016 erschien, bekam man mit Yarny ein unfassbar liebenswerten Protagonisten in einer wunderschönen Spiel präsentiert. Auf der diesjährigen E3 überraschte EA vor allem mit dem Releasedatum des Nachfolgers Unravel 2, denn noch am selben Tag der Pressekonferenz konnten Spieler den Titel online laden und spielen. Das war aber nicht alles. In Unravel “Two” ist der Name Programm und man steuert nicht einen, sondern zwei neue Yarnys, wahlweise alleine oder zu zweit im lokalen Koop.

Entwickler Coldwood Interactive erklärte beim ersten Teil, dass Garn die Bindungen zwischen Menschen und den roten Faden repräsentiert, der alles und jeden zusammenhält. Das winzige, magische Wesen Yarny war zwar ein fragiler aber durchaus geschickter Charakter, den man sofort unfassbar tief ins Herz schloss. Im ersten Teil half Yarny bei der Suche nach Erinnerungen der Vergangenheit, in Unravel Two liegt der Fokus diesmal auf der Zukunft und dem Miteinander. Die beiden Garn-Figuren lassen sich als Singleplayer einzeln oder als kombinierter Super-Yarny steuern. Alternativ lässt sich das Spiel auch gemeinsam lokal zu zweit spielen, wobei jeder einen Yarny übernimmt. Zusätzlich gibt es jetzt die Möglichkeit die beiden Yarnys zu verändern und so ein wenig zu personalisieren. Im Laufe des Spiels schaltet man nach und nach weitere Elemente frei.

Der Yarny aus Unravel gehörte zu einer Großmutter, war selber auch schon älter und dadurch etwas langsamer, aber auch erfahren. Die neuen Yarnys gehören zu zwei jungen Menschen, wodurch sie schneller, beweglicher und verspielter sind. Doch sie müssen immer wieder Monstern aus negativen Gefühlen entkommen oder ausweichen, um ihrem leitendem Funken zu folgen. Bei dieser Verfolgung des leuchtenden Wegweisers wird jeder Spieler des Vorgängers sofort altbekannte Techniken wiedererkennen. Das Garn kann immer noch an gewissen Punkten verankert werden, um daran zu schwingen, zu klettern oder durch Verknoten Brücken zu bauen, die auch als Trampolin genutzt werden können. Auch sonst sind sämtliche Funktionen beim Springen, Rutschen, Klettern oder Schieben von Gegenständen bekannt und für Neulinge sehr intuitiv nachzuvollziehen. Die größten und einzigen Unterschiede bestehen darin, dass jetzt nicht zwingend ein festgelegter Fixpunkt zum Anbringen des Garns notwendig ist, da immer der Partner als Haltepunkt dienen kann & sich das Garn nicht mehr über ein Level verbraucht und dementsprechend aufgefüllt werden muss. Die beiden Wollknäuel können sich einfach nicht unendlich weit von einander entfernen & gelegentlich wird der zurückgelassene Yarny einfach hinterhergezogen.

Wer sich wie ich am meisten darauf gefreut hat, das unglaublich schöne und herzliche Gefühl des ersten Teils jetzt mit einer weiteren Person teilen zu können wird ein wenig enttäuscht sein. Zwar ist ein deutlicher Spaß- und sogar Zeitgewinn zu merken, aber man fühlt sich nicht mehr so intensiv mit den beiden Yarnys verbunden, wie im ersten Teil. Im Teil von 2015 könnte man gar nicht anders als das Empathie-Fass für das kleine, rote Wollwesen zum überlaufen zu bringen. Yarny weckte damals noch deutlich mehr Beschützerinstinkt und das Mitgefühl bei mir. Die neuen, quirligen Garnfiguren sind lustig und niedlich, aber sie berühren mich nicht mehr so intensiv. Aber genau dieses Gefühl war das, was ich mit meinem Koop-Spieler doch unbedingt teilen wollte.

Auch die etwas zerklüftete Hauptgeschichte ist recht schnell vollendet. Und eigentlich fühle ich mich nicht mehr so in den Bann gezogen wie im Vorgänger, bei dem ich die eine oder andere Träne verloren habe. Lässt man sich viel Zeit und macht mit seinen Garnfigürchen den einen oder anderen Schabernack, probiert Loopings oder Trampolinwettspringen gegeneinander aus, ist man maximal für fünf Stunden beschäftigt. Ich glaube, zwei gut abgestimmte Spieler mit Erfahrung und etwas Skill im Jump & Run Genre könnten aber auch schon in der Hälfte der Zeit durch sein. Dafür sind einige Rätsel wirklich spannend gestaltet und teilweise sehr fordernd. Andere Events setzen leider weniger auf Logik als auf Ausprobieren, was aber durch die fairen Checkpoints nicht in Frust ausartet. Neben einer Zeitlupen-Funktion werden zusätzlich jeweils drei Tips als Hilfe angeboten, wobei die letzte Stufe eine schrittweise Anleitung darstellt, die auch Neueinsteiger oder Spieler, die gelegentlich auf dem Schlauch stehen, an die Hand nehmen. Ich selbst zähle selbstverständlich zu keiner der beiden Gruppen. Husthust. Abseits der Hauptstory bietet Unravel 2 noch 20 Challenge-Level mit unterschiedlichen Lösungsansätzen für einige wirklich knifflige Herausforderungen.

So ist Unravel Two zwar ein nettes, wunderschönes Jump & Run in seinem wundervollen und abwechslungsreichen Photorealismus, aber es fehlt rein sentimental betrachtet etwas an Gefühlsduseligkeit. Das Spiel ist trotzdem absolut empfehlenswert. Die Spielmechanik macht wirklich Spaß, die Grafik ist selbst auf der Konsole unfassbar schön, die Musik und der Sound sind ein echter Genuss, die Herausforderungen sind toll konzipiert. Nur die Geschichte ist mir persönlich etwas zu plakativ und die Bindung zu den Yarnys lässt sich auch nicht durch die Personalisierung verstärken. Hätte der zweite Teil nicht so ein schweres, herausragendes Erbe antreten müssen, klänge mein Fazit sicher viel weniger enttäuscht. Nichtsdestotrotz ist Unravel 2 wie auch der Vorgänger in meinen Augen wirklich ein Must Have für jede Spielesammlung und eine unbedingte Kaufempfehlung.